Es ist nicht direkt mein Lieblingshörspiel, aber ich weiß, dass es für mich als Kind absoluten Kultcharakter hatte. Die Rede ist von "Als die Autos rückwärts fuhren" von Henning Venske. Venske kannte ich damals schon aus der Sesamstraße, wo er zusammen mit Lilo Pulver, dem dicken Samson und der tussigen Tiffy zu sehen war und er spricht auch eine der Hauptfiguren in diesem Hörspiel.
Allein die Musik mit viel Stromgitarre und erdigem Beat besaß schon eine große Anziehungskraft. Und dann dieser flapsige Protagonist, der auf den skurrilen Namen Laßdas Pinökel hörte. Der Name Laßdas war ursprünglich ein Missverständnis, denn "Laß das!" waren die meistgehörten Worte seiner frühen Kindheit, die ersten, die er sprechen konnte und so musste es sich wohl um seinen Namen handeln.
Laßdas Pinökel (brillant gesprochen von Stephan Chrzescinski) beginnt an seinem elften Geburtstag mit den Aufzeichnungen seiner Erinnerungen, die sich von den Alltäglichkeiten einer gewöhnlichen Kindheit doch "ein wenig" unterscheiden: eine geklaute Treppe, ein blonder Gorilla im Nachbarsgarten und eine Massenkarambolage, die den gesamten Stadtverkehr lahmlegt, nur weil er ohne böse Absicht seine Schultasche auf einer Kühlerhaube abgestellt hatte.
Sein Vater (Henning Venske) kommt in diesen Erzählungen nicht allzu gut weg und gibt im Hörspiel eher die tragikomische Figur ab. O-Ton Laßdas Pinökel: "Bei einem 33-jährigen Vater kann man schon ganz kräftige Verfallserscheinungen feststellen."
Das Highlight dieser Erzählungen war für mich die Geschichte mit der geklauten Treppe, in die eine weitere Geschichte über einen Schülerstreich eingebettet ist, die vom wohl skurrilsten Soundtrack aller Kinderhörspiele begleitet wird: Das Weihnachtslied "Vom Himmel hoch da komm ich her" im Reggae-Rhythmus mit Schubidu-Chor, das war einfach anders als alles, was mein kleiner Kassettenrekorder bislang schlucken durfte und ich fand es einfach nur faszinierend.
Man merkt diesem Hörspiel die rebellische Zeit an, aus der es stammt: Autoritäten wie der Religionslehrer, der Vater, der Polizist und andere Erwachsene werden gnadenlos durch den Kakao gezogen. Pädagogen würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, aber ich glaube nicht, dass dieses Hörspiel meiner Entwicklung geschadet hat.
In meinem Freundeskreis sind bis heute noch Zitate daraus geläufig und teilweise zu geflügelten Worten geworden.
Leider habe ich diese Kassette damals immer nur in der Bücherei ausgeliehen. Es existiert zwar noch eine Mono-Kopie davon (auf einer 60-Kassette, deren Restzeit mit David Bowie aufgefüllt wurde), aber natürlich ärgere ich mich schon ein bisschen, nicht das Original zu besitzen, das heute einen gewissen Sammlerwert hätte. Umso mehr freut es mich, die Kassette in einer Berliner Bibliothek gefunden zu haben. Leider war sie nicht mehr im besten Zustand, aber um alte Erinnerungen aufzufrischen, war sie gut genug. Doch was heißt aufzufrischen? Eigentlich kann ich den Text heute noch auswendig mitsprechen.
Links:
Die leider alles andere als barrierefreie Homepage von Henning Venske
Update: Das Hörspiel ist wieder erhältlich, mit neuem Cover, aber den Originalaufnahmen!
http://www.highscoremusic.com/?p=65